Die Lange Nacht der Wissenschaften

19.10.2019, Erlangen/Nürnberg

Beitrag des Studiengangs „Ethik der Textkulturen“:

„An den Schnittstellen von Fakt und Fiktion.
Formen und Funktionen dokufiktionalen Erzählens in der Gegenwart“

07.–09.11.2019 | Erlangen

Tagungsprogramm [hier klicken]

Die Aktualität der Dokufiktion

Trotz oder vielleicht gerade aufgrund der mittlerweile inflationären Rede von einem ‚postfaktischen Zeitalter‘ lässt sich in jüngster Vergangenheit in unterschiedlichsten Diskursen ein immenser Wirklichkeitshunger beobachten, der als Gegenbewegung zum weit verbreiteten Gefühl einer sich zunehmend entziehenden und brüchigen Realität verstanden werden kann. Dieser neue Drang nach Wirklichkeit bezieht sich allerdings nicht nur auf Diskursfelder, die innerhalb des gesellschaftlichen Systems traditionell für faktenbasierte Wirklichkeitserzählungen reserviert sind und in letzter Zeit signifikant an Glaubwürdigkeit eingebüßt haben – wie z.B. der Journalismus oder die Politik –, sondern hält interessanterweise auch im Diskursfeld der Kunst und ihren fiktionalen Spielformen Einzug. Dementsprechend werden seit einigen Jahren vermehrt erzählerische Formate bereitgestellt, um auf diese Bedürfnislage zu reagieren.

Dokufiktionale Spielformen in Literatur, Theater und Medien

So haben gegenwärtig Kinofilme (z.B. Die Unsichtbaren. Wir wollen leben, Universum Film) oder TV-Produktionen (z.B. Karl Marx – der deutsche Prophet, ZDF; Lehman. Gier frisst Herz, ARD; Casting JonBenet, Netflix), TV- oder Web-Serien (z.B. Krieg der Träume, ARD; Wormwood (dt.: Wermut), Netflix), literarische Texte (z.B. Ursula Krechel: Shanghai fern von wo; Klaus Modick: Sunset; David Wagner: Leben; Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand; Josef Haslinger: Jáchymov; Ilija Trojanow: Macht und Widerstand; Hans Joachim Schädlich: Felix und Felka) oder Theaterinszenierungen (z.B. Begehren – eine dokufiktionale Feldforschung, Staatstheater Mainz; Die Lücke, Schauspiel Köln) Hochkonjunktur, die zugleich referentiell und konstruktiv verfahren und so bewusst zwischen Realität und Imagination oszillieren.

Techniken der Dokufiktionalisierung

Dieses Oszillieren geschieht, indem durch das Einmontieren von als authentisch markierten Videomaterialien, Interviewsequenzen, Egodokumenten, Fotos, Zeitungsberichten, Original-Akten etc. in eine fiktionale Erzählumgebung eine sichtbare Verschränkung von dokumentarischen Darstellungsweisen und fiktionalen Erzählformen erfolgt und damit ein Brückenschlag in die nicht-fiktionale Wirklichkeit vorgenommen wird. Mit diesem Vorgehen kann eine tatsächliche dokufiktionale Annäherung an eine zeitlich oder räumlich entfernte und dadurch unerreichbare Wirklichkeit ebenso beabsichtigt sein wie ein ‚dokufaketionales‘ Fortschreiben der Unentscheidbarkeit von Fakt und Fiktion durch eine betonte Fiktionalisierung realer Personen, Ereignisse, Konstellationen und nicht zuletzt des vermeintlich dokumentarischen Materials selbst.

Der ’semidokumentarische Pakt‘

Aufgrund der ebenso vielgestaltigen wie heterogenen Verschränkungsweisen der Kategorien ‚Fakt‘ und ‚Fiktion‘ nimmt der Rezeptionsprozess dokufiktionaler Erzählungen folglich eine Sonderstellung ein: Der u.a. schon im 18. Jahrhundert von Coleridge formulierte Fiktionalitätsvertrag, der künstlerischen Erzeugnissen traditionell zugrunde liegt, wird ausgesetzt bzw. durch einen ’semidokumentarischen Pakt‘ abgelöst, der das Versprechen beinhaltet, dass die Erzählungen auf unterschiedliche Weise entweder implizit andeuten oder explizit ausstellen, dass sie bewusst als Grenzgänger zwischen Fakt und Fiktion angelegt sind und die Rezipienten den Erzählungen daher zwar einiges glauben dürfen, ihnen aber niemals blind vertrauen sollten.

Ziel: Interdisziplinäre Schärfung des Begriffs ‚Dokufiktion‘

Der aufgrund dieser Entwicklung in unterschiedlichen medialen Kontexten immer virulenter werdende und ursprünglich aus der Medienwissenschaft stammende Begriff der ‚Dokufiktion‘ bzw. des ‚dokufiktionalen Erzählens‘ ist aufgrund der angedeuteten Vielfalt der Erscheinungsformen dabei aktuell fast zwangsläufig noch mit einer semantischen Unschärfe verbunden. Diese Unschärfe möchte die Tagung durch eine interdisziplinär gewonnene Konturierung des Begriffs mithilfe von Vorträgen zur Begriffsbestimmung und zu grundlegenden theoretischen Analyseansätzen aus der Narratologie, der Medienwissenschaft und der Intermedialitätsforschung ebenso beheben wie durch exemplarische Lektüren von literarischen, audiovisuellen, theatralen oder interaktiven Erzählformaten.

 

Weitere Informationen:

Dr. Agnes Bidmon: agnes.bidmon@fau.de
Prof. Dr. Christine Lubkoll: christine.lubkoll@fau.de

FAU Erlangen-Nürnberg
Department Germanistik und Komparatistik
Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur mit historischem Schwerpunkt
Bismarckstraße 1
D-91054 Erlangen

Lektüreklausur: Theodor W. Adorno, »Negative Dialektik«

Herausforderung philosophische Abhandlung. Viele philosophische Einzelwerke bereiten ihren Leser*innen große Schwierigkeiten: dichter, kondensierter Ausdruck hochkomplexer Gedanken, idiosynkratische Darstellung und Voraussetzungsreichtum sind nur einige der hermetischen Hürden, die dem Textverständnis bisweilen entgegenstehen.

In stiller Einzellektüre solcher Werke stellt sich mitunter nach wenigen Seiten Frustration ein, der ganze Text erscheint als kaum zu bewältigen, sein Sinn als nicht annähernd zu erschließen. Ungelesen und unverstanden schließlich harren sie weiter in Bücherregalen ihrer Rezeption oder gar intellektuellen Aneignung. Distant reading, also der Zugang über Sekundärquellen, der die Beschränkung auf die Kerngedanken solcher Texte, entkleidet von deren Entwicklung, bedingt, ist das Mittel der Wahl.

Rückzug zur intensiven Lektüre

Um dem entgegenzutreten, treffen sich Erlanger Studierende des Masterstudiengangs »Ethik der Textkulturen« seit 2017 einmal pro vorlesungsfreie Zeit zur mehrtägigen intensiven Lektüre bedeutsamer philosophischer Abhandlungen, die mit dem Kanon des Studiengangs in engem Zusammenhang stehen. Vier Tage lang wird 10–12 Stunden pro Tag gelesen und diskutiert. Nur Studierende, keine Dozierenden oder sonstigen Lektüreleiter*innen. Keine Prüfung, keine ECTS, nur intrinsisch motivierte Lektüre.

Den Anfang dieser Veranstaltungsreihe machte die Beschäftigung mit G.W.F. Hegels »Phänomenologie des Geistes«, gefolgt von Martin Heideggers »Sein und Zeit« sowie Immanuel Kants »Kritik der Urteilskraft«. Die Auswahl der Lektüre erfolgt stets nach Mehrheitsbeschluss.

SoSe 2019: Theodor W. Adornos »Negative Dialektik«

Im August 2019 schließlich stand Theodor W. Adornos »Negative Dialektik« auf dem Programm. Der Philosoph, Sozialforscher, Musiktheoretiker und Komponist Adorno legt darin eine Methodologie des philosophischen Verfahrens seiner materialen Arbeiten vor. Das heißt, er zeigt den theoretischen Hintergrund seiner Arbeiten, die sich mit Gegenständen aus Philosophie, Sozialforschung, Literatur und Musiktheorie beschäftigen.

»Der Autor legt, soweit er es vermag, die Karten auf den Tisch; das ist keineswegs dasselbe wie das Spiel.« (Adorno: »Negative Dialektik« (= GS 6), S. 9)

Womit schon eine Schwierigkeit des Textes bzw. von Adornos Denken überhaupt angesprochen ist: Bei ihm gibt es die Trennung zwischen Theorie und gegenständlicher Arbeit nicht. »Stringent über die offizielle Trennung von reiner Philosophie und Sachhaltigem oder Formalwissenschaftlichem hinauszugelangen, war … eines der bestimmenden Motive.« (Adorno: »Negative Dialektik« (= GS 6), S. 10)

Kritik der philosophischen Systeme: Adornos »Antisystem«

Adornos Verfahren ist ein durch und durch antisystematisches. Die »Negative Dialektik« ist eine Kritik an philosophischen Systemen als solchen. Sie bietet – bildlich gesprochen – kein theoretisches Gebäude, das auf einigen wenigen Grundannahmen fußend errichtet wird. (Auf diese Weise funktioniert etwa René Descartes’ Philosophie, die vom ersten unbezweifelbaren Satz, dem »Ich denke«, ausgeht und auf diesem entwickelt wird.)

Anspruch von Adornos Kritik an philosophischen Systemen ist es, immanent vonstatten zu gehen: Adorno nimmt sich philosophischer Systeme wie dem idealistischen System Hegels an und versucht, mit ihnen über sie hinauszugelangen. Im Vollzug dieser System-Kritik in der »Negativen Dialektik« soll zugleich deren Rechtfertigung liegen.

Abgeschiedenheit in der Fränkischen Schweiz: Pottenstein

Dieses Denken nachzuvollziehen, begab sich eine Gruppe von neun Studierenden des Masterstudiengangs »Ethik der Textkulturen« vom 8.–12. August 2019 in ein Ferienhaus im oberfränkischen Pottenstein. Die Abgeschiedenheit in diesem in der Fränkischen Schweiz gelegenen Luftkurort – angelehnt an die monastische Bedeutung von »Klausur« – bettet die Lesegruppe in eine ideale Atmosphäre für die konzentrierte Beschäftigung mit der Lektüre. In den Pausen können auf der am Hang mit Blick über die Stadt Pottenstein gelegenen Terrasse des Hauses Kraft getankt werden oder kleine Wanderungen in der Umgegend unternommen werden.

Gewiss ist der zeitliche Rahmen zu kurz dafür, eine ganze derartige philosophische Abhandlung zu bewältigen. Doch schafft die intensive Beschäftigung eine sehr gute Voraussetzung für die weitere, womöglich dann alleine gelingende Beschäftigung.

(Text: Andreas Lugauer; Fotos: Valerie Bürger, Sarah Dönges)

Poetik-Kolleg: Hans Pleschinski in Erlangen

(c) Bild: Verlag C.H.Beck

An der FAU findet jährlich das Erlanger Poetik-Kolleg statt, das Studierenden die Möglichkeit bietet, gemeinsam mit namhaften Gegenwartsautoren deren Texte zu diskutieren. Zwei Nobelpreisträger, Hertha Müller (2008) und Günter Grass (2014), waren bereits zu Gast. Gastpoet 2019 war Hans Pleschinski. Mit vielbeachteten Übersetzungen aus dem Französischen erschloss Pleschinski in den letzten Jahren Werke des literarischen Höhenkamms einem breiten Publikum. Mit seinem eigenen jüngeren Prosawerk, zu dem Bestseller wie „Königsallee“ zählen, gehört Pleschinski zu den wichtigsten Repräsentanten einer deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, die Kulturpflege im Medium des Historischen Romans unternimmt.

Der Doppelrolle Pleschinskis als Schriftsteller und Übersetzer trug das Seminar durch die Zusammenarbeit von Germanistik (Prof. Dr. Gunnar Och) und Romanistik (Prof. Dr. Gisela Schlüter) Rechnung. Das Studierendengespräch mit dem Autor fand am 12.7.2019 statt. Thematisiert wurden im Rahmen des Seminars Fragen nach Pleschinskis Poetik des Übersetzens, dem literarischen Schreibprozess und den gesellschaftlichen Funktionen von Poesie. Anknüpfungspunkt für eine philologische Fachdiskussion waren nicht zuletzt philologische Aspekte im Schaffen des Autors selbst: Gründliches Quellenstudium und die Zusammenarbeit mit Fachleuten aus der Literaturwissenschaft flankieren Pleschinskis Schreiben. Mit dem Gerhart-Hauptmann-Experten Peter Sprengel etwa tauschte sich der Autor für seinen Roman „Wiesenstein“ aus. Aus diesem, seinem neuesten Werk las Pleschinski dann auch am Abend des 12. Juli im gut besuchten Erlanger Kunstpalais.
(Text: Korbinian Lindel)

 

Wie Migration die Gesellschaft verändert und wie sie davon profitiert

22. Juli | 18.00 Uhr (s.t.!)
Senatssaal, Kollegienhaus, Universitätsstraße 15, Erlangen

Spricht man über die Situation von Migrant*innen in unserer Gesellschaft, dann siedelt man diese zu Recht oft auf der niedrigsten sozialen Skala an. Soziale Hierarchien innerhalb dieser Gruppe werden oft übersehen. Die Podiumsdiskussion fragt dagegen nach ihrer Heterogenität und deren Ursachen (ethnische Herkunft, Bildung, Religion, rechtlicher Status, ökonomische Unterschiede etc.) Wie nimmt unsere Gesellschaft diese wahr und wie geht sie damit um?

Zu Gast sind Dr. Elisabeth Preuß, Bürgermeisterin der Stadt Erlangen und Referentin für Soziales, Integration, Inklusion und Demografischen Wandel, und Prof. Dr. Ludger Pries, Lehrstuhlinhaber der Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum. Außerdem wird Martina Alwon mitdiskutieren, die seit vier Jahren ehrenamtlich beim Eckentaler Flüchtlingsbündnis FLECK tätig ist. Nour Jazar aus Syrien, der 2015 nach Deutschland geflüchtet ist und inzwischen an der Universität Bamberg studiert, wird die Perspektive der Geflüchteten vertreten. Prof. Dr. Christine Lubkoll, Sprecherin des Studiengangs Ethik der Textkulturen an der FAU und Mit-Initiatorin von FAU Integra, moderiert die Diskussion.

Weitere Informationen:
Eva Knöferl
Tel.: 09131/85-22425
eva.knoeferl@fau.de

https://www.fau.de/2019/07/news/veranstaltungen/diskussion-migration-und-soziale-diversitaet/