Lektüreklausur: Theodor W. Adorno, »Negative Dialektik«

Herausforderung philosophische Abhandlung. Viele philosophische Einzelwerke bereiten ihren Leser*innen große Schwierigkeiten: dichter, kondensierter Ausdruck hochkomplexer Gedanken, idiosynkratische Darstellung und Voraussetzungsreichtum sind nur einige der hermetischen Hürden, die dem Textverständnis bisweilen entgegenstehen.

In stiller Einzellektüre solcher Werke stellt sich mitunter nach wenigen Seiten Frustration ein, der ganze Text erscheint als kaum zu bewältigen, sein Sinn als nicht annähernd zu erschließen. Ungelesen und unverstanden schließlich harren sie weiter in Bücherregalen ihrer Rezeption oder gar intellektuellen Aneignung. Distant reading, also der Zugang über Sekundärquellen, der die Beschränkung auf die Kerngedanken solcher Texte, entkleidet von deren Entwicklung, bedingt, ist das Mittel der Wahl.

Rückzug zur intensiven Lektüre

Um dem entgegenzutreten, treffen sich Erlanger Studierende des Masterstudiengangs »Ethik der Textkulturen« seit 2017 einmal pro vorlesungsfreie Zeit zur mehrtägigen intensiven Lektüre bedeutsamer philosophischer Abhandlungen, die mit dem Kanon des Studiengangs in engem Zusammenhang stehen. Vier Tage lang wird 10–12 Stunden pro Tag gelesen und diskutiert. Nur Studierende, keine Dozierenden oder sonstigen Lektüreleiter*innen. Keine Prüfung, keine ECTS, nur intrinsisch motivierte Lektüre.

Den Anfang dieser Veranstaltungsreihe machte die Beschäftigung mit G.W.F. Hegels »Phänomenologie des Geistes«, gefolgt von Martin Heideggers »Sein und Zeit« sowie Immanuel Kants »Kritik der Urteilskraft«. Die Auswahl der Lektüre erfolgt stets nach Mehrheitsbeschluss.

SoSe 2019: Theodor W. Adornos »Negative Dialektik«

Im August 2019 schließlich stand Theodor W. Adornos »Negative Dialektik« auf dem Programm. Der Philosoph, Sozialforscher, Musiktheoretiker und Komponist Adorno legt darin eine Methodologie des philosophischen Verfahrens seiner materialen Arbeiten vor. Das heißt, er zeigt den theoretischen Hintergrund seiner Arbeiten, die sich mit Gegenständen aus Philosophie, Sozialforschung, Literatur und Musiktheorie beschäftigen.

»Der Autor legt, soweit er es vermag, die Karten auf den Tisch; das ist keineswegs dasselbe wie das Spiel.« (Adorno: »Negative Dialektik« (= GS 6), S. 9)

Womit schon eine Schwierigkeit des Textes bzw. von Adornos Denken überhaupt angesprochen ist: Bei ihm gibt es die Trennung zwischen Theorie und gegenständlicher Arbeit nicht. »Stringent über die offizielle Trennung von reiner Philosophie und Sachhaltigem oder Formalwissenschaftlichem hinauszugelangen, war … eines der bestimmenden Motive.« (Adorno: »Negative Dialektik« (= GS 6), S. 10)

Kritik der philosophischen Systeme: Adornos »Antisystem«

Adornos Verfahren ist ein durch und durch antisystematisches. Die »Negative Dialektik« ist eine Kritik an philosophischen Systemen als solchen. Sie bietet – bildlich gesprochen – kein theoretisches Gebäude, das auf einigen wenigen Grundannahmen fußend errichtet wird. (Auf diese Weise funktioniert etwa René Descartes’ Philosophie, die vom ersten unbezweifelbaren Satz, dem »Ich denke«, ausgeht und auf diesem entwickelt wird.)

Anspruch von Adornos Kritik an philosophischen Systemen ist es, immanent vonstatten zu gehen: Adorno nimmt sich philosophischer Systeme wie dem idealistischen System Hegels an und versucht, mit ihnen über sie hinauszugelangen. Im Vollzug dieser System-Kritik in der »Negativen Dialektik« soll zugleich deren Rechtfertigung liegen.

Abgeschiedenheit in der Fränkischen Schweiz: Pottenstein

Dieses Denken nachzuvollziehen, begab sich eine Gruppe von neun Studierenden des Masterstudiengangs »Ethik der Textkulturen« vom 8.–12. August 2019 in ein Ferienhaus im oberfränkischen Pottenstein. Die Abgeschiedenheit in diesem in der Fränkischen Schweiz gelegenen Luftkurort – angelehnt an die monastische Bedeutung von »Klausur« – bettet die Lesegruppe in eine ideale Atmosphäre für die konzentrierte Beschäftigung mit der Lektüre. In den Pausen können auf der am Hang mit Blick über die Stadt Pottenstein gelegenen Terrasse des Hauses Kraft getankt werden oder kleine Wanderungen in der Umgegend unternommen werden.

Gewiss ist der zeitliche Rahmen zu kurz dafür, eine ganze derartige philosophische Abhandlung zu bewältigen. Doch schafft die intensive Beschäftigung eine sehr gute Voraussetzung für die weitere, womöglich dann alleine gelingende Beschäftigung.

(Text: Andreas Lugauer; Fotos: Valerie Bürger, Sarah Dönges)

 
„Das Eigene muß so gut gelernt sein wie das Fremde.“
Hölderlin an Böhlendorff, 4. Dezember 1801
 


Copyright: Ethik der Textkulturen, Universität Augsburg, Universität Erlangen, 2012